Die Zeit des Zusammenlebens bis 1933

Die Mehrheit der in Pattensen lebenden Juden empfand sich um 1900 nicht primär als Juden, sondern als Deutsche jüdischen Glaubens. Dieses wird in der Pattenser Synagoge deutlich, wo an der Ostwand, direkt neben der heiligen Lade eine Tafel mit einem Gebet für "das Wohl des deutschen Vaterlandes, seiner Regierung und seines Volkes" angebracht war. Aber sie waren auch in das Gemeindeleben direkt integriert. Zum Beispiel der Rabbiner Jacob Apt war regelmäßig als Zähler bei den Volkszählungen für die Gemeinde tätig. Außerdem wurde die freiwillige Feuerwehr von ihm mitgegründet. Im Laufe seiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei der Feuerwehr war er Vorstandsmitglied und hatte 22 Jahre das Amt des Rechnungsführers inne. Mit der Verlegung seines Wohnsitzes nach Hannover endete für Jacob Apt seine aktive Zeit bei der freiwilligen Feuerwehr in Pattensen. Für seine Verdienste wurde er 1931 noch zum Ehrenmitglied ernannt. Dieses ist nur ein Beispiel von der Integration jüdischer Mitbürger. Es ließen sich sicherlich noch andere Beispiele für den Turnverein, Schützenverein, Gesangverein oder den Kriegerverein finden.

Zwei Zeitzeugen berichten vom Leben in Pattensen, wobei einer christlichen und eine jüdischen Glaubens ist.

  • Miriam W.: "Mein Vater ist in Pattensen geboren und aufgewachsen. Im ersten Weltkrieg war er, wie alle Pattenser Juden, loyaler Frontsoldat. Er verlor 2 Brüder an der russischen Front, auch hatte er viele Freunde unter den christlichen Pattensern. Er fühlte sich zugehörig als deutscher Bürger und als Pattenser."

  • Arthur R.: "Die Juden lebten seit Generationen hier in Pattensen, waren Handwerker und Viehhändler, sie kegelten, turnten oder sangen mit den anderen Bürgern in den Pattenser Vereinen. Sie wurden Soldat wie die anderen Staatsbürger des Deutschen Reiches. Ein Jude Neufeld nahm 1870/71 am Krieg gegen Frankreich teil und veranlasste mit anderen die Errichtung des Kriegerdenkmals. Drei Söhne aus einer anderen Familie Neufeld fielen für`s Vaterland im ersten Weltkrieg. Ihre Namen sind am Kriegerdenkmal für 1914/18 und auf der Gefallenengedenktafel des TSV Pattensen 1890 verzeichnet. Der erste Flieger, der in Pattensen nach dem ersten Weltkrieg landete, war der Sohn Rudolf des Rabbiners und Lehrers Apt. Noch heute erinnern sich viele an die Landungen."
Diese Aussagen verdeutlichen, das es in Pattensen vor der national- sozialistischen Machtübernahme keinen nennenswerten Antisemitismus gab. Christen und Juden verband eine enge Lebensgemeinschaft. Sie teilten Freud und Leid miteinander, standen sich gegenseitig bei und fühlten sich als Bürger ihres Gemeinwesens. Die christlichen Einwohner Pattensens achteten die Religion ihrer jüdischen Mitbürger, ebenso ihre Sitten und Gebräuche. Dass die Synagoge neben der Kirche das Leben in Pattensen wesentlich mitbestimmte, betrachteten sie als eine Selbstverständlichkeit, war dies doch schon zu Zeiten der Väter und Großväter so gewesen.



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